1. Das Erbe von Jane Goodall und der Wandel des Chimpansen-Bildes
Das Gespräch beginnt mit einer Reflexion über die historische Bedeutung von Gombe. Ursprünglich prägte Jane Goodall das Bild der Schimpansen als fürsorgliche, fast „bessere“ Wesen. Mütter investieren fünf Jahre in die Aufzucht eines Kindes, unterstützt durch die gesamte Familie. Doch nach etwa 15 bis 20 Jahren Forschung revidierte Goodall dieses Bild: Schimpansen haben, genau wie Menschen, eine dunkle, gewalttätige Seite.
2. Infantizid bei Schimpansen: Motive und Muster
Das Phänomen der Kindstötung (Infantizid) bei Schimpansen ist kein Zeichen von „Wahnsinn“, sondern folgt biologischen Mustern:
- Weibliche Konkurrenz: Schimpansen-Gesellschaften sind patrilinear (Männer bleiben in ihrer Geburtsgruppe, Frauen wandern aus). Wenn eine neue Frau in ein Territorium einwandert, konkurriert sie mit den ansässigen Weibchen um Nahrung und Raum. Um die Konkurrentin zu vertreiben oder ihren Fortpflanzungserfolg zu verhindern, greifen ansässige Weibchen deren Junge an und töten sie teils sogar, um sie zu fressen.
- Territorialkriege: Männliche Schimpansen verteidigen ihre Grenzen aggressiv. Bei Zusammenstößen mit Nachbargruppen werden die Jungen der Konkurrenten gezielt getötet, um das gegnerische Territorium langfristig zu schwächen.
- Selektive Tötung durch Männchen: Männchen töten gelegentlich Jungen innerhalb der eigenen Gruppe, wenn sie (vermutlich über den Geruch oder den Zeitpunkt der Zeugung) erkennen, dass das Kind nicht von ihnen stammt.
3. Paviane: Ein gegensätzliches Sozialmodell
Im Gegensatz zu Schimpansen leben Paviane in matrilinear geprägten Gruppen (Frauen bleiben zusammen, Männer wandern aus). Hier ist der Infantizid primär eine männliche Fortpflanzungsstrategie:
- Ein neu eingewandertes Männchen versucht, die Hierarchie zu erklimmen. Um die Weibchen schneller wieder empfängnisbereit zu machen, tötet er deren (nicht von ihm gezeugte) Jungen.
- Dies geschieht oft instinktiv in den ersten sechs Monaten nach der Einwanderung.
4. Intelligenz, Instinkt und die Tragik der Fürsorge
Collins betont, dass Primaten nicht nur instinktgetrieben, sondern hochintelligent sind. Dies führt zu paradoxen Situationen:
- Geiselnahme: Pavianmännchen nutzen Jungen als Schutzschilde gegen Rivalen, da Angriffe auf Babys tabuisiert sind. Dabei nehmen sie den Tod des Kindes in Kauf.
- Übersteigerte Fürsorge: Die Schimpansen-Mutter „Gremlin“ verursachte versehentlich den Tod ihres Enkelkindes, weil sie es aus einem extremen (vielleicht missverstandenen) Schutzinstinkt vor einer Mörderin rettete, es dann aber der Mutter nicht zurückgab, bis es verhungerte.
Fazit: Die Forschung in Gombe zeigt, dass das Sozialverhalten von Primaten eine komplexe Mischung aus tiefer Fürsorge und brutaler strategischer Gewalt ist – eine Erkenntnis, die Jane Goodall zu dem Schluss kommen ließ, dass Schimpansen uns „genau gleich“ sind.
